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Am grünen Kap der guten Hoffnung

Von Ernst August Ginten 11. April 2009, 03:32 Uhr  -  aus: WELT online

Auf den Kapverdischen Inseln vor der Westküste Afrikas wird Tourismus gezielt zur Armutsbekämpfung eingesetzt - mit durchschlagendem Erfolg


Die Jungs aus dem Dorf Rabil auf der kapverdischen Insel Boa Vista kicken nur barfuß auf dem betonierten Schulhof. Es ist ohnehin fast immer um die 30 Grad warm - und Schuhe sind auf der Inselgruppe vor der Westküste Afrikas für viele unerschwinglicher Luxus.

Ein paar Hundert Meter von ihrem grauen, staubigen Bolzplatz entfernt gilt freilich das Gegenteil: Dass die gut betuchten Pauschaltouristen aus ganz Europa tagsüber meist barfuß durch die neue Hotelanlage der spanischen RIU-Gruppe schlendern können, gilt hier als "barefoot luxury", als "Barfuß-Luxus": Endlich können sich die Urlauber trotz des edlen Ambientes mal so zwangslos wie sonst nur zu Hause im Garten geben.

Die überwiegend einheimischen Hotelangestellten des "Karamboa" dürfen dagegen nur in festem Schuhwerk zur Arbeit erscheinen, sagt RIU-Hoteldirektorin Ruth Gonzales.

Die Eröffnung der 80 Mio. Euro teuren Ferienanlage im vergangenen Herbst markiert für die karge, sandige Insel den Beginn einer neuen Zeit. Der Tourismus bringt Arbeitsplätze und Kaufkraft auf das karge Eiland. Mithilfe der Reisenden will die Regierung die Armut bekämpfen.


                   

Und es könnte ihr durchaus gelingen, glaubt Klaus Lengefeld von der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit GTZ. Tourismus ist eine sehr taugliche Strategie zur Armutsbekämpfung. "Wir haben Investitionen, Umsatz und Arbeitsplätze in verschiedenen Sektoren verglichen mit dem Ergebnis, dass der Ausbau der Hotellerie in einem Entwicklungsland zwei- bis dreimal so viel Arbeitsplätze schaffen kann wie jede andere Industrie." Tourismus taugt im Prinzip also zur Armutsbekämpfung.

 

Allerdings erst ab einer bestimmten Zahl und Qualität an Hotelzimmern: Wo mindestens 500 Zimmer im Vier- bis Fünf-Sterne-Bereich entstehen, landen je nach Lohnniveau im Lande zwischen 500 000 und zwei Mio. Dollar in den Taschen armer Leute. Übertroffen werden solche Zahlen noch von "Ultra-All-inclusive"-Angeboten und Ultra-Luxusresorts. Nach Untersuchungen der GTZ bringen auf Jamaika bereits 250 Hotelzimmer und auf den Malediven 65 Luxusvillas mindestens zwei Mio. Dollar als Lohnsumme für einfache und mittlere Angestellte, die meist aus ärmlichen Verhältnissen kommen - zusätzliche Ausgaben der Gäste für Exkursionen, Souvenirs und Trinkgelder nicht mitgerechnet.

Bereits Monate vor der Ankunft der ersten Briten, Deutschen und Spanier haben Gonzales und ihr Team das Personal von den Kapverden eingestellt, es selbst ausgebildet und fit gemacht für den Hotelalltag. Wer von den Einheimischen dabei sein wollte, musste zuerst einmal lernen, bei der Arbeit Schuhe zu tragen und eine Uniform - eine für die Zimmermädchen, eine andere für die Servicekräfte am All-inclusive-Buffet und natürlich die weiße Koch-Kluft.

Im Herbst vergangenen Jahres kamen dann die ersten Gäste: Essen, trinken, baden, surfen, abends ein bisschen Spaß in der Disco haben, mehr wollen die meisten nicht. Die karge Insel selbst, ihre Geschichte, die Wale, Tigerhaie, Delfine und die fünf seltenen Schildkrötenarten interessieren nur wenige. Aber das stört die rund 4000 Insulaner nicht. Denn Touristen bringen Arbeit. Rund 450 Kapverdier verdienen auf Boa Vista jetzt ihr Geld bei RIU, auf der Nachbarinsel Sal sind es 675. Das ist eine Menge in einem Land, wo die Arbeitslosenquote im Schnitt bei 22 Prozent liegt. Auf Boa Vista sind es angeblich nur noch sieben Prozent.

Mit einen Pro-Kopf-Einkommen von jährlich 2430 Dollar zählt die unabhängige Republik Cabo Verde mit ihren neun bewohnten und sechs menschenleeren Inseln im Atlantischen Ozean nach den Kriterien der Vereinten Nationen nicht mehr zur Gruppe der ärmsten, sondern zu den mittleren Entwicklungsländern. Aber erst 2010 werden die UN die Unterstützung für die Schulspeisung einstellen. Hungersnöte hatten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu Auswanderungswellen geführt - hauptsächlich nach Amerika und ins Mutterland Portugal. Heute leben auf den Inseln rund 530 000 Menschen - viele sind wirtschaftlich angewiesen auf die regelmäßigen Überweisungen ihrer Verwandten.

Der wirtschaftliche Aufschwung ist vor allem an dem Wald von Baukränen ablesbar, der auf den Stränden von Sal in die Höhe gewachsen ist. Dort werden von internationalen Investoren neue Hotels in allen Kategorien gebaut. Dazu kommen Straßen und der Ausbau von Flughäfen sowie lebenswichtige Meerwasserentsalzungsanlagen und Elektrizitätswerke, die von der Regierung bezahlt werden. Dank des Tourismus wächst die Wirtschaft derzeit um rund sieben Prozent.

Entwicklungsexperten wie Lengefeld warnen angesichts weiterer massiver Ausbaupläne davor, dass die Tragfähigkeit der Inseln schnell überstrapaziert werden kann. Denn wenn auf Boavista vier oder fünf weitere Hotels gleicher Größe gebaut werden, müssen Arbeitskräfte importiert werden mit allen kritischen sozialen und kulturellen Folgen. Und auch die Bewältigung der damit verbundenen Umweltprobleme wie etwa Müllentsorgung oder die Gefährdung der Naturschutzgebiete haben die Kapverdier noch nicht richtig im Griff.

Beim Wasser läuft es sehr viel besser. Mit den Wassergebühren der Hotels finanziert zum Beispiel die halbstaatliche Wassergesellschaft Aguas de Ponta Preta auf Sal den Ausbau der Versorgung der Bevölkerung mit fließenden Wasser. Rund 15 000 Liter Wasser werden pro Tag allein in jeder der RIU-Küchen verbraucht. Mit geklärtem Brauchwasser aus den Hotels werden dann die spärlichen Grünanlagen gesprengt.

Auf Boa Vista sind dagegen immer noch Tanklasterfahrer wie der von Eduardo Alves unterwegs. Alves lädt an einem Brunnen mitten auf der Insel und verkauft seine Fracht dann an die Bewohner. Umgerechnet 60 Euro kosten 2000 Liter. Alves selbst verdient damit umgerechnet rund 240 Euro im Monat. Wenn die Wassergesellschaft ernst macht, wird der Tankerfahrer vielleicht zum Touristenkutscher.

Allein im vergangenen Jahr reisten 16 000 Gäste mit der TUI auf die Inseln - Tendenz steigend. Immer mehr Urlauber entdecken diese Alternative zu den Kanaren. Europas größter Reisekonzern hat zusammen mit RIU die Kapverden als neues Ziel selbst aufgebaut.

Erste Überlegungen gab es bereits in den 70er-Jahren. Ein junger deutscher Anwalt namens Ralf Corsten hatte sich Gedanken darüber gemacht, wie sich die Inseln im Wind unweit der afrikanischen Küste entwickeln ließen. Doch 1975 wurden die Kapverden von der damaligen Kolonialmacht Portugal in die Selbstständigkeit entlassen, und die Regierenden verstrickten sich in sozialistische Ideologie und Experimente.

Ende der 90er-Jahre kam Corsten - mittlerweile Vorstandschef der TUI - erneut auf die Kapverden. "Wir scannen natürlich permanent die ganze Welt, um neue Reiseziele mit Potenzial zu finden", sagt Ralf Horter, bis vor Kurzem Einkaufschef bei TUI-Deutschland für alle Sonnenziele. Die Kapverden gehörten für die damaligen TUI-Manager eigentlich nicht dazu. "Hier gab es fast nichts außer Sand", sagt Reisemanager Horter, der heute Chef des TUI-Veranstalters Berge und Meer ist. Doch Corsten hatte den Inselstaat nie ganz aus den Augen verloren. Er war sicher, einen Ort mit großem touristischem Potenzial gefunden zu haben.

Horter ist froh, eines Besseren belehrt worden zu sein und inzwischen fest überzeugt: "TUI-Deutschland wird auf Boa Vista weiter wachsen."

Auch Luis Riu, der mit seiner Schwester Carmen den gleichnamigen spanischen Hotelkonzern leitet, folgte Corstens Vision und verdient heute prächtig. In nur drei Jahren verkaufte RIU in seinen beiden Anlagen auf Sal rund zwei Mio. Übernachtungen. Ähnlich hohe Zahlen streben die Spanier jetzt auch auf Boa Vista an. Staatliche Unterstützung ist ihnen gewiss: Regierungschef José Maria Neves plant Tourismus im großen Stil.

Da auf den dürren Inseln kaum etwas wächst, importiert RIU alle Lebensmittel und Getränke für seine Gäste auf Sal und Boa Vista aus Gran Canaria, vom spanischen Festland sowie Fleisch und Obst aus Brasilien. Zwei Kühlcontainerschiffe laufen die Häfen Palmeira auf Sal und Sal Rei auf Boa Vista im Pendelverkehr an. Allein für die Lebensmittellogistik auf Sal wurden einige Millionen Euro investiert. "Da kostet ein Apfel im Einkauf schon mal zwei Euro", sagt RIU-Sprecherin Claudia Schunk. Und auch das Baumaterial für das neue "Touareg-Hotel" wird per Schiff auf die Baustelle am heute menschenleeren Traumstrand von Santa Monica geliefert. Dort haben Arbeiter aus dem Senegal bereits die Fundamente für die nächste RIU-Anlage an den Rand des kilometerlangen weißen Strandes gegossen. Yachthafen, weitere Hotels, Restaurants und Geschäfte sollen folgen.




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